29.03.03
Gelungen geschlungen - Zur Kulturgeschichte der Brezel
Man könnte meinen, dass diese Ausstellung und das Museum für Brotkultur in Mainz-Bretzenheim zu finden seien - aber nein, leider in Ulm! Die Ausstellung ist übrigens noch bis 17.08.2003 zu sehen.
Die Brezel - für viele vor allem im süddeutschen Raum ist sie das wohl volkstümlichste Kleingebäck schlechthin, ein Alltagsgebäck eben. Die Brezel - deswegen eine alltägliche Ausstellung? Keineswegs, denn es gibt mehr Unerwartetes in der vertrauten Brezel zu entdecken als mancher denkt: nicht nur Mehl, Hefe und Lauge, sondern auch eine jahrhundertalte Geschichte. Denn so amüsant die vielen Legenden um die Entstehung der Brezel auch sein mögen, ein Brezelerfinder im eigentlichen Sinne des Wortes lässt sich nirgendwo ausmachen. Tatsächlich diente die Brezel bereits den frühen Christen als Abendmahlsbrot. Über die Klosterkirchen des Mittelalters verbreitete sie sich in vielen Teilen Europas und ist inzwischen als terminungebundenes Alltags- und Brauchtumsgebäck in süßer und salziger Form nicht mehr wegzudenken. In Süddeutschland gehört die Laugenbrezel zu den populärsten Kleingebäcken.
Ausgehend von den religiösen Ursprüngen der Brezel über die Vielfalt der damit verbundenen Brauchtumsformen bis hin zu ihrer Bedeutung als Symbol des Bäckerhandwerks ist das geschlungene Gebäck bis heute nicht nur ein begehrtes Nahrungsmittel, sondern ein lebendiges kulturhistorisches Zeugnis sowie ein erfolgreicher Bestandteil der (Werbe-) Geschichte rund um das Bäckerhandwerk.
"Uralt" soll die Brezel sein, darüber sind sich die meisten einig. Wie sich die Entwicklung der Brezel tatsächlich abgespielt hat, vergegenwärtigt die Präsentation in Ulm. Anhand zahlreicher Reproduktionen früher Handschriften wird anschaulich belegt, dass die vollständig ausgebildete Brezelform bereits Ende des 11. Jahrhunderts auf dem Abendmahlstisch zu sehen war. Ausgehend von diesem ursprünglich religiösen Charakter wird verständlich, warum die Brezel über Jahrhunderte als sogenanntes Devotional-, also als ein der Andacht dienendes Gebäck galt und daher ihren angestammten Platz eindeutig unter den Fastenspeisen hat.
Unabhängig von dieser Klostertradition ist eine Frühform der Brezel im Süden Europas bereits für das 5. Jahrhundert n. Chr. belegt. Eine Handschriftenillustration zeigt den trojanischen Helden Äneas und die karthagische Königin Dido beim gemeinsamen Mahl. Auf dem Tisch liegen - wenn auch in leicht abgewandelter Form - Brezeln. Damit gehört die Brezel zu den ältesten Gebildbroten antik-christlichen Ursprungs überhaupt.
Auch außerhalb des kirchlichen Bereichs spielten Brezeln für die Nahrungsversorgung schon frühzeitig eine wichtige Rolle. Bereits im 15. Jahrhundert wurden sie bei zeitlich und örtlich begrenzten Massenverpflegungen wie dem Konstanzer Konzil in mobilen Bäckereien hergestellt und verkauft. Der aus dem Jahr 1483 stammende Holzschnitt zeigt in der Ausstellung Bäcker beim Herstellen und Verkauf ihrer Backwaren und Brezeln und ist zugleich der früheste und einzige Beleg für einen gemauerten Backofen auf Rädern.
Darüber hinaus setzt sich die Ausstellung im Museum der Brotkultur das Ziel, nicht einfach "nur" in die Vergangenheit zu führen. Zugleich werden schwäbisch-alemannische Fastnachtsstädte wie Schramberg und Bodnegg vorgestellt, deren Traditionen oder Feste rund um die Brezel die Menschen bis in die Gegenwart begleiten. Ein weiterer Brauchtermin, der in der Ausstellung präsentiert wird, ist der sogenannte "Sommertagsumzug" in einigen Orten Baden-Württembergs und der Pfalz, bei dem es um die Vertreibung des Winters und die Begrüßung des Frühlings mit brezelgeschmückten "Sommertagsstecken" geht.
Dass die Brezel eines der beliebtesten Nahrungsmittel überhaupt ist, soll vor lauter Brauchtumsgeschichte keineswegs vergessen werden, zumal sie auch als Dauergebäck und im Miniaturformat bei vielen zum täglichen Knabberrepertoire gehört. Damit wäre man auch schon beim nächsten wichtigen Stichwort, nämlich der (Laugen-) Brezelherstellung. Zahlreiche Gerätschaften aus der alten Backstube, wie Teigbreche, Brezeltauchapparate und Siebschaufeln mit Lochbohrung zum Durchtropfen der Lauge dokumentieren, wie es früher zuging und was passierte, bevor man seine ofenfrische Brezel in der Bäckerei erwerben konnte. Zugleich vermitteln Videofilme, unter anderem zum Einsatz eines Brezelschlingroboters, einen Einblick in die Bäckerei der Zukunft, obschon die meisten Bäcker beim "Schlingen" der Brezel nach wie vor auf Handarbeit setzen.
Verkaufsdarstellungen aus dem Holland des 17. Jahrhunderts sowie aus Wien, Dresden oder Leipzig dokumentieren ebenfalls die einzigartige Popularität der Brezel. Verkauft wurden Brezeln und Backwaren entweder in der Backstube selbst, meist aber aus der Backstube heraus über einen heruntergeklappten Fensterladen oder auf der Straße durch mobile Brezelverkäufer. Und damit niemand glaubt, dass die Brezel lediglich ein mitteleuropäisches "Brotzeit-Gebäck" war und ist - in China taucht sie bereits im 18. Jahrhundert als gemaltes Motiv an zierlichen chinesischen Teetassen auf. Für Amerika dokumentieren eine Schnapsflasche in Brezelform (1908) oder ein "Brezelobjekt" aus Wellpappe (1994) des Künstlers Claes Oldenburg den Stellenwert des Gebäcks bis heute.
Dass nichts ohne die Brezel geht, erkennt man spätestens bei einem Blick auf die Geschichte des Bäckerhandwerks. Beides ist eng miteinander verbunden, was ganz natürlich ist. Schließlich ist die Brezel als wohl typischstes Bäckerprodukt bereits vor über 700 Jahren zum Zunftsymbol sowie zum Verkaufszeichen der Bäcker geworden und ist es bis heute geblieben. Nicht nur die Zünfte, auch ihre Angehörigen übernahmen dieses Zeichen für persönliche Geräte und Gegenstände, so dass heute ein beachtlicher Bestand an Symbolen des Standes- und Berufsbewusstseins der Bäcker erhalten geblieben ist. Als ein solches Zeugnis wäre ein kostbarer Willkomm-Pokal aus dem Jahr 1727 zu nennen, aber auch schön beschnitzte Zunftladen, silberne Becher und sorgsame bemalte Trinkgläser. Dazu scheinbar zweckmäßige Gegenstände wie der in das Jahr 1797 zu datierende Feuerlöscheimer einer Bäckerzunft, aber auch ein Spazierstock, eine Tabakspfeife oder ein Riechfläschchen, die alle mit dem Zeichen der Brezel geschmückt sind.
Ergänzt wird die Ausstellung durch moderne Illustrationen, unter anderem von Sabine Frank und Roger Roitenstern sowie durch themenbezogene Bildgeschichten der Cartoonistin Margit Kübrich.
Quelle: Pressemitteilung des Museums für Brotkultur
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