03.03.03

Einstürzende Altbauten

oder: Von der Gau-Odernheimer "Schmach, französisch zu werden"

Im Jahr 1883 veröffentlichte der katholische Pfarrer Heinrich Gredy zu Gau-Odernheim eine Chronik seiner Wirkungsstätte. In seiner umfangreichen "Geschichte der ehemaligen freien Reichsstadt Odernheim" geht er u.a. auf einen Unglücksfall während der Franzosenzeit ein, der durch seine Kommentierung zeigt, daß der katholische Geistliche Gredy - trotz der im Kulturkampf gipfelnden Spannungen zwischen dem Deutschen Reich und der katholischen Kirche - national und antifranzösisch eingestellt war. Zwei Monate vor dem Erscheinen wurde übrigens das an den Sieg über Frankreich im Krieg von 1870/71 erinnernde Niederwalddenkmal bei Rüdesheim eingeweiht.

"Als 1799 die deutschen Fürsten und Völker von den geheimen Abmachungen zwischen Österreich und Frankreich hörten, so daß also an eine Wiedereroberung des Landes nicht mehr zu denken war, und die Kunde davon auch nach Odernheim gelangte, geriet selbst der ehrwürdige altdeutsche Kirchturm, welcher 1344 das Licht der Welt erblickt hatte, in eine solche Aufregung, daß er die Schmach, französisch zu werden, nicht überleben wollte; er neigte sich und stürzte vernichtet zusammen, um nie mehr aufzustehen. Leider begrub er in seinem Unwillen sieben Menschen unter seinen Trümmern. Das Odernheimer Stadtbuch gibt über dies schreckliche Ereignis folgende Nachricht, und schließt damit auch für immer seine Einträge ab, die bis zum Jahre 1286 zurückreichen.

Am 17. Februar 1799 (29. pluviose des 7. Jahres) stürzte ein Teil der hiesigen Kirchturmsmauer und zwar das vordere Eck nach Wald gegen 1 Uhr nachmittags ein, drückte zugleich einen Teil der Mauer von der reformierten Kirche, worin die reformierte Gemeinde kurz vorher bei dem Gottesdienste sich versammelt hatte, mit darnieder und bedeckte acht Menschen, die an jener Seite der eingestürzten Kirchenmauer ihre Plätze genommen hatten, wovon nur einer lebendig, sieben aber tot aus dem Schutte hervorgezogen wurden. Wolken von Staub erhoben sich bei diesem Einsturze in der Kirche. Der Schrecken und die Betäubung aller Anwesenden waren unbeschreiblich, weil niemand wußte, wie ihm geschah. Alles ergriff die Flucht, und man eilte mit solcher Schnelligkeit nach den Kirchentüren, daß mehrere übereinander stürzten und andere, die auf der Bordbühne waren, sogar die Fenster einschlugen und zu den Fenstern hinaussprangen, um sich zu retten. Nach wenigen Minute kam nun alles aus der Stadt herbeigelaufen, ein allgemeines Jammergeschrei und Wehklagen erfüllte die Luft, Weiber suchten ihre Männer, Männer ihre Weiber, Eltern ihre Kinder, weil jedes das andere unter dem Schutte zu liegen vermeinte. Aus allen benachbarten Ortschaften kamen Leute zu Fuß und zu Pferd ebenfalls herbeigeeilt, und nun wurden Anstalten getroffen, die Erschlagenen unter dem Schutte aufzusuchen, so aber erst gegen Abend nach und nach herausgezogen werden konnten und zum Teil ganz zerschmettert waren.

Am 19. Februar wurden dieselben beerdigt. Über tausend Menschen wohnten dieser Beerdigung bei. Herr Adam Scheuer, Pfarrer in Biebelnheim und zweiter Pfarrer allhier hielt hierauf auf dem Markte am Eingange des Rathauses die Leichenrede, welche sehr rührend und passend war. Auch wurde denselben ein Grabstein gesetzt, worauf an der vorderen Seite folgendes geschrieben steht:

'Dieser Stein wurde gesetzt zum Andenken jener Bürger, welche am 29. pluviose 7. Jahrs in der Mittagsstunde, als eben die reformierte Gemeinde zum Gottesdienst versammelt war und unvermutet ein Teil der Kirchturmmauer einfiel, der die daran stehende Kirchenmauer zugleich einschlug, unter dem Schutt ihren Tod gefunden haben. Sie waren: Herr Henrich Jakob Orth, Philipp Lenhard Krauß, Wiegand Kopp, Lenhard Varena, Johann Prinz, Lenhard Orth und Henrich Rausch. Ruhet sanft ihr sieben Brüder, deren Gebeine ein Grab umschließt, bis zum Wiedersehen in einer besseren Welt!'

Auf der andern Seite des Steines ist zu lesen:

'Ihr starbet beweint von euren Freunden, beklagt von jedem gefühlvollen eurer Mitbürger, ihrem Herzen unvergeßlich. Text: 1. Sam. 3. Kap. 15. Vers: Es ist der Herr, Er tuet, was Ihm wohlgefällt.'

Lange Jahre wird dieser Tag des Schreckens allen Einwohnern dieser Stadt im Andenken, unvergeßlich aber wird derselbe in den Herzen der Gattinnen, Eltern, Kinder, Anverwandten und Freunden der Erschlagenen bleiben.

Zur Nachricht für die künftigen Zeiten wurde dieses schreckens- und schaudervolle Ereignis allhier niedergeschrieben."

Zum weiteren Verbleib des Steines schreibt Gredy: "Der Stein wurde, als der Platz um die Kirche nicht mehr zu Begräbnissen benutzt wurde, in die äußere Wandfläche linker Hand am jetzigen Eingange in die evangelische Kirche, gerade an der Stelle, wo das Turmeck einstürzte, eingemauert, so daß der letztere Teil der Inschrift nicht mehr sichtbar ist."

(Gredy, Neudruck von 1954, S. 79-81)

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Anmerkungen