14.02.03
Valentinstag: Liebesbriefe und Eheanträge
Wie bei allen Briefen, die eine Empfindung ausdrücken, so insbesondere auch bei diesen ist die Hauptregel die: Man lasse das Herz darin reden, enthalte sich also alles Affektierten, d. h. Unnatürlichen, Übertriebenen. Die Lebendigkeit des Gefühls wird sich von selbst in lebendiger Sprache ausdrücken. Man sei in der Schilderung dessen, was das Herz bewegt, nicht aus falscher Scham zurückhaltend, enthalte sich aber des Schwulstes des Romanstils aus dem vorigen Jahrhundert, der niemals einen guten Eindruck machen kann. Der Natur der Sache nach wird sich in dergleichen Briefen, zumal bei jungen Leuten, immer ein gewisser Grad von Leidenschaft und poetischem Gefühl aussprechen. Männer vorgerückteres Alters müssen in einem möglichst gemäßigten Tome schreiben; sie werden sich mit mehr Wärme als Feuer, mit mehr Zartheit als Kühnheit aussprechen. – Die Antworten von seiten der Damen müssen ganz besonders in zartem Tone abgefaßt sein, namentlich ablehnende Antworten. In diesen muß, wofern irgend dazu Grund vorhanden ist, ausgesprochen werden, daß man den Bewerber gehörig zu schätzen wisse und sein Vertrauen mit der gehörigen Diskretion (Verschwiegenheit) behandeln werde.In diese Klasse von Briefen gehören auch die Bewerbungsschreiben an Eltern und andere Personen, die einen bedeutenden Einfluß auf die Geliebte haben und an deren Zustimmung also gelegen sein muß. Ihnen muß nicht bloß die Empfindung ausgedrückt, sondern auch alles dasjenige vorgehalten werden, was zur Hinwegräumung aller Bedenklichkeiten, die ihnen etwa aufstoßen könnten, notwendig erscheint [...]
Quelle: Otto Friedrich Rammlers Deutscher Reichs-Universal-Briefsteller oder Musterbuch aller in den allgemeinen und freundschaftlichen Lebensverhältnissen sowie im Geschäftsleben vorkommenden Briefe, Dokumente und Aäufsätze. Ein Hand- und Hilfsbuch für Personen jedes Standes,
enthaltend eine Einleitung über die Sprache; die Grammatik nebst einer Geschichte der deutschen Sprache. – Die Lehre über den Briefstil, die Abfassung, Förmlichkeiten und den äußern Wohlanstand der Briefe; Titulaturen, Briefmuster, nämlich: Allgemeine freundschaftliche Briefe, Glückwunschbriefe zu Geburts-, Namens- und Neujahrstagen, zu Verehelichungen, Geburten, Beförderungen, Jubiläen und andern Gelegenheiten; Danksagungsbriefe; Berichtbriefe; Bittschreiben und Bittschriften; Torst-, Empfehlungs- und Erinnerungsschreiben, Klagbriefe, Ermahnungs-, Vorwurfs-, Entschuldigungs-, Einladungs- und Bewerbeschreiben etc.; Geschäfts- und Handlungsbriefe aller Art; ferner Kauf-, Tausch-, Miet-, Chartepartie-, Pacht-, Dienst-, Heuer-, Arbeits-, Bau-, Gesellschaftsverträge oder Kontrakte, Mäl- und Rhederei-Briefe; Vergleiche; Ehe-, Assekuranz- und Lehrverträge; Testamente und Kodicille, Schenkungen, Vollmachten, Schuldverschreibungen, Bodemereibriefe, Cession, Bürgschaftsscheine, Reverse, Empfangsscheine, Konnossamente, Pfandscheine, Quittungen, Tilgungsscheine, Wechselbriefe, Anweisungen, Zeugnisse, Konti, Anzeigen und Bekanntmachungen, Telegramme. Dabei eine Auswahl aus den Briefen von Gellert, Rabener, Lessing, Wieland, Zollikofer, J. v. Müller, v. Schiller, J. H. Voß, Fr. Bodenstedt, G. Freytag, Großherzog Karl August von Sachsen-Weimar, Königin Luise von Preußen, Kaiser Wilhelm I., v. Bismarck, Moltke, Herzog von Sachsen-Coburg-Gothat etc.
Nebst folgenden Zugaben: 1. Deutsches Reich. 2. Deutsche Klassiker. 3. Stammbuchaufsätze. 4. Der Hausarzt. 5. Die Hausfrau als Gattin und als Mutter. 6. Die Blumensprache. 7. Die Bienenzucht. 8. Die Verfälschungen der vornehmsten Bedürfnisse des Lebens. 9. Die Invaliditäts- und Altersversicherung. 10. Fremdwörterbuch. 11. Rechenhelfer.
Siebzigste, umgearbeitete und von neuem stark vermehrte Auflage von Dr. H. Th. Traut.
Leipzig (Verlag von Otto Wigand) 1900.
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