21.01.03

Zarte Bande anno 1595

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Nur selten erfahren wir aus den Quellen, wie Menschen im späteren Rheinhessen vor 400 Jahren zarte Bande knüpften und welche Hindernisse sie dabei überwinden mußten. Ein solcher Fall ist die Geschichte der Verlobten Michael Schaub und Margarete Metzler aus Abenheim, die 1595 den Ortsherren, den "edlen und vesten Junker von Dalberg" um die Erlaubnis zur Verehelichung ersuchten. Ausführlich schildert Schaub in dem nachstehend abgedruckten und 1922 von dem Darmstädter Studienrat Prof. Dr. Wilhelm Martin Becker in der landeskundlichen Zeitschrift "Volk und Scholle" kommentierten Gesuch, wie er um die Gunst seiner Angebeteten warb.

Übrigens bringt der SWR in seiner morgigen TV-Sendung "Hierzuland Rheinland-Pfalz" (22.1.2003) ein Portrait des heute zu Worms gehörenden Dorfes.

Wie der Abenheimer Michel seine Grete freite (1595). Von Wilhelm Martin Becker

Amtliche Akten sind ein trockenes Material. Je innerlicher, persönlicher die Erlebnisse der Menschen vergangener Zeiten sind, desto weniger pflegen sie sich im Aktenmaterial auszusprechen. In gerichtlichen Protokollen erstarrt bald das für uns Wesentliche in der Feder des Gerichtschreibers, und nur vertraute Privatbriefe aus gebildeten Kreisen geben uns mitunter Einblick in die Seelen der Menschen wie sie sind. Nur ab und zu finden sich in den Archiven auch einmal Papiere, in denen Menschen alter Zeit und selbst solche, die nicht gewohnt sind, die entscheidenden Ereignisse ihres Lebens der Feder anzuvertrauen, von ihrem ganz persönlichen Erleben sprechen.

Eines dieser seltener Papiere liegt vor mir. In dem Dorf Abenheim (Kreis Worms) war jahrhundertelang die berühmte Familie der Kämmerer von Worms, genannt von Dalberg, Ortsobrigkeit. Ein sehr großer Teil der Untertanen war der Herrschaft leibeigen, und dem Herrn stand auch das Recht zu, daß ohne seine Zustimmung unter Leibeigenen keine Ehe geschlossen werden durfte. Wenn sich nun zwei lieb hatten, so geschah es wohl, daß sie sich ehelich verlobten, ohne die Formalität der obrigkeitlichen Genehmigung erfüllt zu haben. Doch durfte einen solchen Bund der Geistliche nicht einsegnen. Wie eine Wetterwolke mag dann die Ungnade der Herrschaft über ihnen geschwebt haben. Und dieser Angst verdankt das gedrückte und demütige Schreiben seine Entstehung, das Michael Schaub und Margarete Metzler von Abenheim an den edlen und vesten Junker von Dalberg richteten, um durch die Geschichte ihres Sichfindens sein Herz zu rühren, dami er ihnen erlaube, „ihren christlichen Kirchgang zu vollziehen“. Aber auch Entschlossenheit und unverrückbare Treue sprechen aus ihrem einfältigen Wort.

Und so erzählen sie: „Wie daß durch schickung gottes des almechtigen, welcher dan den christlichen ehestandt selbst gestieft und eingesezt hat, daß mir beyde junge personen zu etlichen mahlen in ehren und lieb im feld zusamen komen seint, und uns also viel mit worten gegen einander eingelassen, also daß ich Michel die Margreta, Philips Metzlers nachgelassene eheliche dochter, gefragt, obe sie lust und gefallen zu mir hette, wie ich zu ir, so wollten mir beyde mit gottlicher hielf ein pfahr werden. Darauf sie mir geantwort: ja. Solches mir dan teglich mehr zu gemüdt gefallen ist, also ich weitter lust und gefallen zu ir getragen habe. hernach sindt mir beide widerumb zusamen komen in meiner mutter hoff, da habe ich sie wiederumb angesprochen, obe sie noch bedacht seye, iren worten craft zu geben, wie mir unß zuvor beschlossen haben. Da hat sie mir widerumb geantwort: ja, es seye ir meinung noch, waß sie mir und ich ir versprochen, daß soll mit der hielf gottes volnzogen werden. Darauf ich ir zur antwort geben: nun, so wollen mir gott den almechtigen zu einem zeugen und beystandt nehmen und solches uf sein segen befestigen. Also hat je eines dem anderen die rechte handt dargeben und eines dem anderen verdraut und uns mit einander versprochen, daß keins daß ander verlassen solle, es geschehe dan durch den zeitlichen todt. Und habe ich ir also baldt zu einem drauschaz geben ein goltgulden, mehr ein halben konigsdaller und ein alten dhurnnes (Turnos, alte Silbermünze). Welches angestanden ist biß uf den nechstverschinen ostermontag, da seint mir beyde zu Wormbß bey der münz zusamen komen, da hat sie mich angesprochen: Horstu, Michel, du hast mir etlich gelt zu einem drauschaz geben, nun kauf mir auch ein seckel darzu, daß ich daß gelt darin thue. So habe ich ir ein guttes seckel gekauft für ein gulden bazen und auch einen sameten gürtel, und haben mir uns damalß wiederumb uf ein neueß versprochen; wie auch ebenmesig uf den nechsten pfingstdienstagk zu Wormbß ich ir noch einen sameten gürtel kauft habe und solches widerumb bestettigt. Obe gleichwoll mir, alß die blüende jungent, nicht vermeint, daß jemants ein wiederwillen hirin fassen sollte, weil dan mir, also wie erzelt, zusamen verbunden und ehelich verpflicht seint, so seint mir der tröstlichen hoffnung und christlicher zuversicht, waß gott bey unß beiden zusamen gefugt hat, das solle der mensch nit scheiden ...“

Wir wissen nicht, ob der Herr von Dalberg dem Flehen seiner Untertanen nachgegeben hat; das Schriftstück ist ein einzelnes ohne Vor- und Nachakten. Aber es ist uns von Wert als ein ungeschminktes Bild davon, wie sich ein Liebesverhältnis unter kleinen Leuten jener Zeit entspann, und wie in dem „Trauschatz“ der alte Brautkauf fortlebt, bei dem wie hier der alte Turnos, auch sonstwo eine absonderliche Münze eine Rolle spielt (Beispiele, auch für das Schenken von Gebrauchsgegenständen, bei C. H. Meyer, Deutsche Volkskunde, S. 170f.), auch wie nach dem bürgerlichen ehelichen Verspruch die kirchliche Einsegnung damals nur als ein hinzukommender, an der Tatsache der Verbindung nichts mehr ändernder Umstand gewertet wird.“



Volk und Scholle: Heimatblätter für beide Hessen, Nassau und Frankfurt, Band 1 (1922/23), S. 135-136.

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Anmerkungen