06.01.03
Napoleon!
Heute abend beginnt im ZDF um 20:15 der vierteilige französische Fernsehfilm "Napoleon", der von den meisten Kritikern sehr gelobt wurde. Daß "der kleine Korse, der die Landkarte Europas und die Stammtafeln der Könige aus dem Gleichgewicht brachte" (ZDF-Ankündigung) auch bei den Rheinhessen bleibenden Eindruck hinterlassen hat, zeigen zahlreiche Worte und Redensarten, die bis weit ins 20. Jahrhundert verbreitet waren.
Napoleons Geburtstag fiel auf den 15. August, weshalb Mariä Himmelfahrt in Mainz auch als "Naboljonsdag" bekannt war. In Siefersheim war die Pappel nicht nur mit dem typisch rheinhessischen Dialektwort "Belle", sondern auch als "Naboleonsbam" bezeichnet. In Aspisheim findet sich der Flurname "Napoleonskopf", in Sprendlingen die "Napoleonshöhe". Im benachbarten Gau-Bickelheim, Heidesheim und anderswo war der Dreispitz als "Naboleonshud" bekannt, in der erwähnten Wißberggemeinde gehörten die "Napoleonshütcher" zum Weihnachtsgebäck ("Guds"). Auch die Napoleonskirsche, die dicke, süße Früchte trug, war in weiten Teilen unserer Provinz bekannt (z. B. Nieder-Hilbersheim, Westhofen, Bermersheim). "Napoleonssteine" finden sich u. a. bei Nieder-Ingelheim an der Straße Bingen-Mainz und beim Forsthaus Vorholz (früher auf dem Alzeyer Roßmarkt).
Wie nicht anders zu erwarten, wurden Napoleon und seine Familie auch Objekt des rheinhessischen Spottes. "Dem gehd's grad, wie's em Napoleon gang iß", lästerten die Blödesheimer (heute Hochborner) über Personen, die nach einer langen Glückssträhne vom Pech verfolgt wurden. In Dietersheim bei Bingen ist belegt, daß "verhärteter Nasenschleim" nach dem Kaiser der Franzosen benannt wurde. Über Napoleons Liebesleben wußte man in Alsheim: "Napoleon fürstete die Bürstenkinder und bürstete die Fürstenkinder". In Neu-Bamberg gab es einen Abzählreim zu Napoleons 1811 geborenen Sohn Napoleon II., der bereits als Säugling zu hohen Ehren kam: "Der König von Rom, Napoleons Sohn, der war noch zu klein, um Kaiser zu sein...". Und über Napoleon III., den Großneffen des Korsen, höhnte man in Gimbsheim nach dem siegreichen Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71: "Mein Hud, der hodd drei Ecke, drei Ecke hodd mein Hud, Napoleon soll verecke midd seiner blechne Schnud".
Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Pariser- oder Kaiserstraße:
"Fast vergessen ist sie, die Kaiserstraße („via regis“), der Napoleon 1809 Name, Gestalt, Richtung und Bedeutung gab: „Pariser Chaussee“. Von Mainz führt sie durch das rheinhessische Hügelland über Alzey und Kirchheimbolanden, schlängelt sich um den Donnersberg herum, nimmt nach der Durchquerung
des Saarlandes Kurs auf Verdun über Metz, passiert die Champagne und neigt
sich schließlich in die Ile de France. Sie erlebte Größe und Niedergang des französischen Kaisers, ließ 1849 preußische Truppen gegen rheinhessische und pfälzische Freischärler ziehen, war während beider Weltkriege Angriffs- und Rückzugsstrecke der Deutschen bis sie schließlich durch ihren sukzessiven
Ausbau zur modernen Autobahn eine ganz gewöhnliche Touristenstraße wurde. Ihre bewegte Geschichte geriet darüber zunehmend in Vergessenheit." (EWR Region Ausgabe 2/99)
Quellen: Südhessisches Wörterbuch, 4. Bd. Marburg 1978-1985.
Ernst Klug: Wörrstadt. Geschichte einer kleinen Stadt. Wörrstadt 1972
Noch ein paar Links zum Thema:
ZDF Inhaltsangabe
Napoleon-Web
Napoleon privat