04.01.03

Johannes Neeb - Kurzbiographie

„Neeb, Johannes, der Theologie und Philosophie Doctor, Gutsbesitzer und Bürgermeister zu Niedersaulheim, Mitglied des Provinzialrathes der Provinz Rheinhessen und der zweiten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen, ist geboren im Jahr 1767 zu Steinheim, in der Provinz Starkenburg, von mäßig bemittelten Aeltern bürgerlichen Gewerbes. Sein Oheim, Gregorius Schreck, ein Pfarrer im Spessart bereitete ihn, bei strenger Zucht, durch Privatunterricht für das Gymnasium vor, das er vier Jahre lange in Aschaffenburg besuchte. Drei Jahre frequentirte er hierauf die philosophische[n] Lehrcurse auf der kurfürstlichen Universität zu Mainz, wo er im 2ten und 3ten Jahre, vor allen Mitschülern, von der philosophischen Facultät als primus defendens [Klassenbester] erklärt wurde, und pro prima et secunda laurea, nach damaliger akademischer Sitte, defendirte.

Die dem primus defendens besonders zugedachte Belohnung war unentgeldliche Aufnahme in das geistliche Seminarium; dieser Umstand, sowie die Achtung gegen die Wünsche seines Oheims bestimmten ihn zur Wahl des geistlichen Standes, den er zehn Jahre nachher wieder verließ. Noch als Seminarist erhielt er im Sommer 1789 in den Facultäten der Philosophie und der Theologie die Doctorwürde, und die bei dieser Gelegenheit geschriebenen Dissertationen: Ueber das Verhältniß der stoischen Philosophie zur Moral (Mainz 1789), und: de dilectione mimicorum tentamen philosophicum morale (Mog. [Mainz] 1789), richtete die Aufmerksamkeit der Staatsbehörde auf seine Person, und er durfte unter zwei, vom letzten Kurfürsten von Mainz, Friedrich Karl Joseph, zugleich unterzeichneten Decrete[n] zu Anstellungen wählen. Neeb wählte die Professur der griechischen und lateinischen Sprache am Gymnasium zu Aschaffenburg, erhielt aber schon im Anfange seines dasigen Lehrcurses von dem Kurator der kurfürstlich köllnischen Universität zu Bonn, Freiherrn Franz Wilhelm Spiegel zum Diesenberg und Kanstein, Anträge zu einem Rufe an die philosophische Lehrstelle bei dieser hohen Schule, denen er auch zusagte. Er lehrte daselbst in den Jahren 1793 und 1794, und schrieb die Abhandlung: Ueber Kants Verdienste um das Interessen der philosophischen Vernunft, Bonn 1793. 2te Auflage Frankfurt a.M., Andräische Buchhandlung 1795. 8.

– Im October des Jahres 1794 occupirten die französischen Truppen die Stadt Bonn; Neeb war gerade in einer Ferienreise in seinem Vaterlande, und wartete da den Ausgang der politischen Verwirrung ab. Diese Muße benutzte er zur Ausarbeitung seines philosophischen Lehrbuches: System der kritischen Philosophie auf den Satz des Bewußtsein gegründet, 2 Theile. Frankfurt a. M., Andräische Buchhandlung 1795-1796. gr. 8., welche, wie die Rheinholdische Principien dem es huldigte, eine ephemere Erscheinung war; sodann zur Ausarbeitung der beiden kleineren Schriften: Ueber den in verschiedenen Epochen der Wissenschaften allgemein herrschenden Geist, und seinen Einfluß auf dieselbe. Ebend., bei Ebend. 1795. 8., und: Vernunft gegen Vernunft oder Rechtfertigung des Glaubens. Ebend., bei Ebend. 1797. 8., deren Tendenz die Vertheidigung und Entwickelung des Hemsterhuis- Jacobi’schen Principes von der angebornen und unvermittelten Ueberzeugung des Daseins eines persönlichen Gottes und moralischer Freiheit, dem speculativen Systeme des Atheismus und Fatalismus gegenüber, war.

Im Jahr 1798 erhielt er von der französischen Regierung den Ruf nach der Universität zu Mainz, wo er bis zur Aufhebung der philosophischen Lehrstelle, durch Napoleon, philosophische Lehrvorträge hielt. Einige, an republikanischen Festen gehaltene Reden, wurden durch die Departemental-Verwaltung die Ehre des Druckes und der Uebersetzung durch Arrêté zu Theil. Neeb legte nun auch die bekleidete Adjunctenstelle bei der Stadtmairie nieder, zog aufs Land und pachtete zwei Güter, deren eins (das Rittergut des Freiherrn von Dienheim in Niedersaulheim gelegen) er im Jahr 1803 käuflich an sich brachte. Hier lebt derselbe noch jetzt als Gutsbesitzer und als Vorstand seiner Gemeinde.

Von dieser Zeit an weihte er dem Interesse der Wissenschaften seine spärliche Freizeit nur gelegentlich. Er erhielt sich in dieser Zurückgezogenzeit die Aufmerksamkeit seiner Mitbürger durch Aufsätze in der Mainzer Zeitung und dem rheinischen Archive, dessen thätigster Mitarbeiter er war, und durch eine kleine Schrift in Briefform: Ueber die Freigeisterei der heutigen Erziehung. Mainz, bei Kupferberg 1812. gr. 8. – Die öffentliche Stimme bei gesetzlichen Wahlen berief ihn unter der französischen Herrschaft zum Departementalrathe, unter der Großh. Hessischen Regierung zum Provinzialrathe, und in den Jahren 1820, 1823 und 1826 als Mitglied in die 2te Kammer der Ständeversammlung des Großherzogthums Hessen, an deren Verhandlungen er thätigen Antheil nahm.

Die in Form eines Briefes an den Präsidenten Jacobi in München, gedruckte Abhandlung: Ueber den Begriff von Gott und göttlichen Dinge nach der neuesten Philosophie, legte den Grund einer innigen Verbindung mit diesem tiefdenkenden und tieffühlenden Weltweisen. Dieser ermuthigte seinen Freund wieder zum fleißigen Anbaue des wissenschaftlichen Feldes. Seine zerstreuten Aufsätze verbreiten sich über mannigfache Angelegenheiten des Menschen und sind unter der Aufschrift: Vermischte Schriften von J. Neeb. Frankfurt, bei Hermann 1817-1821, 2 Theile in gr. 8. erschienen. Alle kritischen Blätter, welche von ihnen Kunde nahmen, gedenken ihrer mit beifälliger Achtung. Bei der Lebendigkeit des Stils vermißt man die Deutlichkeit nicht, ein immer selteneres Prädicat des Vortrages unserer neueren Philosophen. Neeb scheint sich übrigens, nach seinen öfteren Allegationen des Hemsterhuis und nach einer besonderen Abhandlung über dessen Geist und Schriften zu urtheilen, besonders nach diesem batavischen [holländischen] Plato gebildet zu haben, und so ist seine Philosophie, ein System aus Kantischen-Hemsterhuisschen, und Jacobischen Elementen. Sein Bekenntniß über die wichtigsten Fragen der Menschheit an die Orakel der Vernunft hat er in seinen Abhandlungen „über das Räthsel des Lebens“, „über den religiösen Trieb“ und in dem Aufsatze „Golgatha und Philippi oder über die Unsterblichkeit der Tugend“ abgelegt. Diesem Bekenntnisse ist er auch, ungeachtet des Wechsels seines speculativen Standpunctes und dadurch veränderten Ansichten, treu geblieben.

An den von 1823-1829 in Mainz erschienenen Zeitschriften: Rhenus; Spiegel; Ameise war Neeb ein thätiger Mitarbeiter. Die mit N. in der oberteutschen Literaturzeitung in den 1790r Jahren unterzeichnete Recensionen haben ihn zum Verfasser. Auch hält man ihn für den Verfasser der mit N. in der theologischen Zeitschrift: „der Katholik“ bezeichnete Aufsätze.“


Quelle: Biographisch=literarisches Lexikon der Schriftsteller des Großherzogthums Hessen im ersten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts. - Bearbeitet und herausgegeben von Heinrich Eduard Scriba. - Erste Abtheilung, die im Jahr 1830 lebende [sic] Schriftsteller des Großherzogthums enthaltend. – Darmstadt (Leske) 1831

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Anmerkungen