04.01.03

Warmer Winter, schlechte Konjunktur und Dementis

... aber alles das schon vor 150 Jahren:

„Aus dem Kanton Niederolm, 20. März. Oeffentliche Blätter brachten vor einigen Wochen unter gleicher Ueberschrift Artikel, worin sie unter Anderem die Geschäftslosigkeit in diesem Winter als eine auffallende schildern. In wie weit das dort Gesagte richtig ist, will ich hier nicht untersuchen, noch viel weniger, welche Schuld die in jenen Artikeln angegriffenen Ortsvorstände, hauptsächlich des Kantonshauptortes, an der speziellen Nahrungslosigkeit der Taglöhner, Chaussee- und Grundarbeiter tragen. Bis heute hatte ich weder Gelegenheit, die dort namentlich aufgeführten Orte zu besuchen, noch die Wahrheit oder Unwahrheit des in jenen Artikeln Gesagten genau zu erfahren.

Allein mein heutiger Besuch in einigen andern Dörfern unseres Kantons gab mir die thatsächliche Ueberzeugung, daß wenigstens in diesen Gemeinden durchaus nicht über Geschäftslosigkeit zu klagen ist. Ein Gang durch die Gassen und Gäßchen Essenheims ließ mich überall in der Arbeit begriffene Bauwerke wahrnehmen, und auf öffentlichen Plätzen sah ich eine Menge Holz und Steine gelagert, das zu neuen und mitunter für ländliche Bedürfnisse großartigen Bauten bestimmt ist. Nach Mittheilung Eingeweihter sollen in diesem Jahre allein 14 neue Häuser, Scheuern und Ställe gebaut werden, darunter Häuser, welche nach ihrer gänzlichen Vollendung auf circa 6000 fl. kommen. Viele dieser Neubauten werden ganz mit Schiefer gedeckt, was diesem Orte, rechnet man die durch die verschiedenen Brände des letzten Jahres nothwendig gewordenen und bereits fertigen Gebäude dazu, ein ganz neues, schönes, ich möchte sagen jugendliches Ansehen geben wird. Ein Gleiches traf ich in der Gemeinde Oberolm, wo ebenfalls zu den bereits begonnenen noch mehrere Neubauten kommen sollen. Es ist dieses ein Beweis, daß unsre Bauhandwerker sich nicht über Geschäftslosigkeit beklagen können; im Gegentheile, die Baulustigen beklagen sich, daß ihre Pläne nicht schnell genug zur That werden und ihr Baumaterial so lange unbearbeitet liegen bleibt. So freudig diese Aussichten für unsere Bauhandwerker sind, so machte ich auf dem Felde Bemerkungen, die unsere Ackerbauer zum Gegentheile stimmen müssen. Die durch die gelinde Witterung des Monats Januar schon bedeutend entwickelte Kohlpflanze ist in ihrer Krone durchgehends erfroren. Wenn gleich auch die nachwachsenden unteren „Schoten“ noch immer einen nicht unbedeutenden Ertrag hoffen lassen, so ist doch nach dem jetzigen Stande ein Ausfall bei der nächsten Kohlerndte zu erwarten. – „


Quelle: Anzeigeblatt für Rheinhessen, März 1853

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Anmerkungen