04.01.03
Hungertod eines 16jährigen Mädchens aus Wahnsinn
Die Macht der Phantasie wie die Stärke der Vernunft beweisen gleichmäßig, daß im Menschen ein thätiges Prinzip ist, welches der mechanischen Kraft der blinden Natur widerstehen kann.Muratori hat in seinem berühmten Buche: von der Stärke der Phantasie kein Beispiel zum Belege des Titels seines Werkes gesammelt, das der Geschichte gleicht, die sich vor Kurzem in unserer Gegend zutrug.
Elisabetha Cravatte von Harxheim war seit ihrer frühen Jugend mit der Epilepsie behaftet, von dieser Zeit an kindisch und blödsinnig, und immer einige Tage lang nach den Anfällen wahnsinnig. Den 2ten lezten Ventose erlit sie wieder heftige Anfälle, darauf empfand sie wie gewöhnlich großen Durst und trank 6 Gläßer voll Wasser, die lezte Nahrung, welche sie bis an ihren Tod zu sich nahm. Das Mädchen bildete sich ein, man wolle es vergiften, und lies sich den Wahn auf keine Weise benehmen. Am 3ten Tage stellte sie sich ans Fenster und bat die Vorübergehenden, ihr doch ein Glas Wasser zu bringen; sobald sie es erhielt, besah sie es, und goß es sogleich wieder aus. Am sechsten Tage gieng sie in ihres Nachbars Haus, spielte mit den Kindern und war ziemlich lebhaft. Nach Endigung des Kinderspieles begehrte sie Brod. Man reichte ihr ein Stük Kuchen, sie versuchte ihn, spie den Bissen wieder aus und suchte sich zum Erbrechen zu zwingen, um des vermeintlichen Giftes wieder frei zu werden. Alles Drohen und freundliche Zureden ihrer Mutter war vergeblich; Sie schlug gegen jeden, der sich ihr nur nahen wollte. Am 15ten Tage schwollen ihr die Füße und es zeigten sich Brandfleken; die übrigen Theile des Körpers hatten kein krankhaftes Ansehen; nur die Arme magerten etwas ab. Merkwürdig ist es, daß die Kranke so viel Besonnenheit hatte, zu wissen, daß sie sterben würde, wenn sie keine Speise zu sich nehme, und bat daher ihre Mutter, sie nicht nach Harxheim, sondern nach Ebersheim neben ihren Vater zu begraben. Den 20ten Ventos, am 18ten Tgage ihrer Enthaltung, starb sie, nachdem sie eine halbe Stunde vor ihrem Tode noch ihre schwachen Kräfte gesammelt hatte, um sich gegen die Einnahme von ein Paar Tropfen Labewein zu wehren, den man ihr in der Ohnmacht beibringen wollte. Ich kenne kein Beispiel von einer längeren Enthaltung in einem Alter, wo die Lebenskraft in Thätigkeit ist, und in dem Maase schneller sich verzehrt. Da das Mädchen am Körper gesund war, so blieben die thierischen Lebensverrichtungen in ihrem Gange. Die verdorbenen Säften sönderten sich zwar während der Zeit niemals durch den Stuhlgang, aber alle zwei Tage durch den Urin ab, selbst die monatliche Reinigung stellte sich zur gewöhnlichen Zeit 3 Tage vor dem Tode ein.
Ich glaubte dem Philosophen und Arzte einen Dienst zu erweisen, wenn ich dieses in psychologischer und medizinischer Rüksicht merkwürdige Phänomen bekannt machte. Ich habe mich genau bei der Familie, die ich sehr gut kenne, und bei den Nachbarn um alles Detail erkundigt und ich verbürge die Wahrheit jeder einzelnen Angabe.
Neeb.
Quelle: Mainzer Zeitung 111 vom 02.05.1804 Lesebuch | Link