01.01.03

Nieder-Saulheim vor 150 Jahren

Vor 150 Jahren erlebten Rheinhessen und die Vorderpfalz einen ungewohnt milden Winter. An der Mittelhardt standen zum Jahresende Mandel- und Pfirsichbäume in voller Blüte. Seine Eindrücke im Nieder-Saulheimer Pfarrgarten am Silvestertag schilderte der evangelische Geistliche und passionierte Bienenzüchter Friedrich Stein (1816 Büdingen – 1861 Nieder-Saulheim) wie folgt:

„Niedersaulheim. Auffallende und höchst seltene Erscheinungen auf dem Gebiete der Naturgeschichte am Sylvestertage 1852.

Hier in den milden und gesegneten Fluren der Pfalz [so weit war es offensichtlich mit der „rheinhessischen Identität“ damals noch nicht her – d. Red. d. Rheinhessenarchivs] war der heutige Tag, der letzte des alten Jahres, der schönste unter den schönen unmittelbar vorausgegangenen und dem lieblichsten Frühlingstage gleich; auch bot derselbe mancherlei Erscheinungen dar, welche sich sonst nur an einem solchen erwarten lassen. – So hatten meine Bienen an diesem Tage nicht allein einen so festen und sichern Flug angenommen, als ich ihn noch nie in dieser Jahreszeit beobachtet hatte, sondern es fanden sich unter den 42 Stöcken auch zwei, welche gesammelten Blumenstaub eintrugen, und zwar der eine in solcher Weise, daß ich in dem kurzen Zeitraum von etwa einer Viertelstunde nicht weniger als 15 Bienen mit hinlänglich starken gelben Höschen geschmückt an ihrer von den wohlthuenden Strahlen der freundlichen Sonne beschienenen Wohnung ankommen sah. – Bald nach Sonnenuntergang, während ich noch im Garten lustwandelte, ließ sich auch, um meine durch den ernsten Zeitpunkt an und für sich schon feierliche Stimmung zu vermehren, der melancholische Gesang eines über mein Haupt hinfliegenden Roßkäfers (Scarabaeus stercorarius) vernehmen, zum sicheren Beweis, daß auch diese Gattungen der Insectenwelt, die unter andern Verhältnissen in dieser Jahreszeit im festen Winterschlafe liegen, durch die wahrhaft italienische Witterung zum regen Leben gerufen wurden. – Dürften wir hier schöne Hoffnungen oder bange Erwartungen in Beziehung auf den Segen des in wenigen Stunden eintretenden neuen Jahres anknüpfen, zumal der Sylvestertag und Abend sonst für so bedeutsam gehalten pflegt? Was kommen wird, liegt noch in dem dunkeln Schooß der Zukunft begraben, und keinem Erdengebornen ist es gestattet mit keckem Finger den geheimnißvollen Schleier zu lüften, der fromme Glaube jedoch beugt sich in heiliger Ehrfurcht vor der göttlichen Allmacht, in deren weiser Hand die Schicksale aller Wesen und aller Welten ruhen, und lebt der frohen Zuversicht, daß dieselbe Gotteskraft, welche das neue Jahr unter so auffallenden Erscheinungen eintreten läßt, dasselbe auch wunderbar zum glücklichen Ende führen werde.“

Quelle: Darmstädter Zeitung vom 4.1.1853

Lesebuch | Link
Anmerkungen