30.12.02
Vom deutschen Rhein

- Ein Gedenkblatt aus der Zeit der großen Überschwemmung 1882/83
Von W. Wiener.
Ich möchte hier aus der alten Stadt Worms am Rhein etwas von dem mittheilen, das ich als Seelsorger in der Zeit der Ueberschwemmungen, zu Ende 1882 und anfangs 1883, erleben durfte. Lag doch Worms recht im Centrum der Wogen, welche wie in der vorgeschichtlichen Zeit, da der Rhein noch keinen passenden Durchgang bei Bingen gewonnen hatte, von den Vorhöhen des Odenwaldes bis zu denen der Hardt reichten, und an Umfang die Fläche des Bodensees hinter sich ließen. Wohl hatten die Menschen den Stromlauf geradgelegt und zu beiden Seiten die Dämme erhöht, aber eine stärkere Hand brach die Wehr und zeigte den Leuten, wie wir mit allen Mitteln, die wir zur Beherrschung der ‚Natur’ gewonnen haben, in einer fortschrittsstolzen Zeit mit dem persönlichen Gott zu rechnen haben. Und wenn sie in guten Zeiten stromaufwärts die Wälder selbstsüchtig abgeholzt, und bei der Einengung des Strombettes bloß an die eigenen Interessen gedacht hatten, so wurde ihnen nun in der Noth und Gefahr ein Wink der göttlichen Liebe zu theil.
Das Christfest war vorüber; verklungen war seine Predigt von der Gottes- und Menschenliebe, und niemand dachte daran, daß so schnell eine außerordentliche Aufforderung zur Bethätigung dieser Liebe kommen werde. Und als in der Neujahrsnacht die Glocken aller hiesigen Kirchen zusammenklangen, und an das ‚hohe Lied der Ewigkeit’ erinnerten, da wußten wir nicht, mit wie viel Schrecken und Thränen sie in unserer unmittelbaren Nachbarschaft gehört wurden. Der Dammbruch auf dem jenseitigen Ufer hatte den niedriger liegenden Stadttheilen Erleichterung verschafft; das Wasser fiel, weil es sich drüben Raum erzwungen hatte, und so dachte man trotz ungünstiger telegraphischer Nachrichten von oben am Rhein, die schlimmste Hochfluth sei vorüber. Aber drüben in dem niedrig gelegenen Hofheim hatten sie inzwischen auf Flucht für sich und ihr Vieh denken müssen, und ging dabei auch kein Menschenleben verloren, so wurde doch mancher Stall, den man nicht mehr öffnen konnte, durch die eindringenden Wogen bald still. Das gerettete Vieh aber stand in der Kirche; und auf dem Chor hielt der Geistliche, Pfarrer Weiker, eine Sylvesterandacht, welche er und die Gemeinde nicht vergessen werden. Und in der finsternen Nacht, in der man das Rauschen der Wogen so nahe hatte, waren noch manche Leute, besonders alte, im oberen Stockwerk ihrer aus Lehmsteinen gebauten Häuser! Es hält ja so schwer, sich davon zu überzeugen, daß, was man nie erfahren, einmal eintreten, und man den Wink Gottes erhalten kann, wenn nicht aus seinem Vaterland und seiner Verwandtschaft, so doch von Haus und Hof zu gehen. Auch später, als die Leute dringender aufgefordert werden mußten, die naßgewordenen Wohnungen zu verlassen, kamen sie mit der Einwendung: „Ich bleib und vertrau auf den lieben Gott.“
Die erste Nachricht von der Gefahr drüben in Starkenburg brachte uns eine Depesche des Kreisamtes Bensheim an das hiesige. In der Bergstraße haben sie also eher davon gewußt, konnten aber nicht helfen, weil ihnen die Kähne fehlten. Später haben sie Flöße gezimmert und sind auf Kähnen, welche die Pioniere lieferten, an die Unglücksstelle herangekommen. Inzwischen hatte sich’s hier schon geregt, und die Samenkörner des göttlichen Wortes, welche in stillen Tagen ausgestreut worden waren, fingen an aufzugehen. So hat auch das Unglück, der Schrecken sein Gutes: im Schatten lernt man den Werth des Lichtes einsehen. Es war eine unheimlich dunkle und stürmische Nacht, in welcher Kreisassessor von Grolmann mit zwei Kähnen und Lichtern über die Wogen, deren Ausdehnung und Tiefe noch unbekannt war, hinfuhr, und die Schiffer, die man wohl scherzweise auch ‚Rheinschnaken’ nennt, und deren derbes Wesen der Fremde bewundert, ruderten mit feuchten Augen. Jeden Augenblick konnte der Nachen an eine Wurzel, oder einen umgefallenen Baumstamm anstoßen, oder in eine Stromschnelle, einen Strudel kommen, und dadurch umschlagen. Doch gelang die nächtige Rettungsfahrt, und die Männer der beiden Kähne kamen wie Engel vom Himmel, da die Noth am höchsten war. Am andern Morgen folgten andere nach. Man brachte Nahrung, Kleider, wollene Decken und vor allem Petroleum, damit die Unglücklichen wenigstens in der sechzehnstündigen Dunkelheit ein klein wenig sehen konnten; man holte Leute ab, erst die Kranken und Kinder, die man hierher brachte.
In Hofheim aber und überall waren Pfarrhaus und Kirche die ersten Zufluchtsstätten; denn beide sind in der Regel an den höchsten Ort des Dorfes oder der Stadt gebaut, dem Himmel näher, auf den sie hinweisen sollen. Was können doch diese Gebäude überall in Deutschland den Leuten von sonnigen und finstern Tagen erzählen! Wir Wormser Geistliche, die wir unser zwei 12,000 Seelen zu pastorieren haben, und mit Festtagspredigten und Kasualhandlungen vollauf zu thun hatten, konnten uns nicht, wie Pfarrer Frohnhäuser von Lampertheim, am direkten Rettungswerk betheiligen. Uns verblieb die Aufgabe, die Geretteten in der Turnhalle, dem alten Schulhaus, in dem Versorgungshaus und Hospital zu besuchen und seelsorgerlich zu berathen. Frauen mit blassen, verweinten Gesichtern, Männer mit schreckensstarren Zügen, Kinder, bei Tag im fröhlichen Spiel, als wären sie hier immer daheim gewesen, und abends mit der ungestümen Mahnung: „Wir wollen heim,“ – wir werden diese Szenen nie vergessen! Und als man später an die Geborgenen Kleider austheilte, dachten wir wohl nicht ganz dasselbe, wie der frappiert dastehende Beauftragte über die Bitte der im Werktagsgewand Geretteten um ‚Kirchenkleider’. Daheim lag vielleicht das Haus in Trümmern, und sobald neue Flüchtlinge kamen, hörte man hier und da eine Frau ängstlich fragen: „Steht unser Haus noch?“ Auf dem Dach der versunkenen Hütte saß der Hahn oder die Katze, und im Stall schwamm die ertrunkene Kuh oben an der Decke. Dennoch schiens den Leuten doppelt hart, daß sie am Feiertag keine Kirchenkleider hatten. Eines Morgens betrat ich einen Schulsaal, aus dem mir einige Frauen und viele Kinder entgegen kamen. Da faltete ein ganz kleines Mädchen vor mir die Hände und fing an zu beten: „Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich zu dir in den Himmel komm!“ In der Ecke aber saß inzwischen ein katholisches Weib aus dem fast ganz zu Grund gegangenen Lobstadt (=Bobstadt) und hatte ein Kind von vier Wochen an der Brust. Sie klagte mir, ihr Mann sei in der Schreckensnacht mit dem Vieh weggezogen, um in Biblis eine Unterkunft zu suchen; aber auch dort sei die Fluth hingedrungen, und nun wisse sie nicht, ob er weiter ins Land hineingewandert, oder – ertrunken sei. Ich redete zu ihr von Gottes Vaterliebe und seinem Schutz, und sie wie ein katholisches Kind, das mir die Hand mit dem Gruße reichte: „Gelobt sei Jesus Christus!“ stand mit mir, dem evangelischen Geistlichen, auf dem Grunde des Evangeliums, das die Herzen einigt, nachdem diese die menschliche Zuthat getrennt hatte. Später wurde in Mainz ein Bauer mit zwei Pferden, deren Zügel er um die Hand geschlungen hatte, aufgefunden. Hoffentlich war es nicht der Vermißte!
„Freuet euch mit den Fröhlichen, und weinet mit den Weinenden!“ Wer darnach handelt, der bleibt nicht ohne Segen. Und es machten sich so viele auf, die Noth der hierher Geretteten – es waren deren inzwischen über tausend geworden – zu lindern. Die Reichen gaben reichlich, und die Armen von ihrer Armuth. Soldaten opferten kompagnienweise ihre Tageslöhnung; Dienstboten gaben den Inhalt ihrer Sparbüchse hin. Mann griff in den Kleider- und Weißzeugschrank, damit niemand bloßgehen und frieren müsse; man schaffte Matratzen und Decken herbei; man gedachte vor allem der Säuglinge. Da kommt ein Korb mit Kinderkleidern. „Von wem?“ Nun, der darauf liegende Zettel wird Auskunft geben; aber da stand kein Name, sondern nur mit Bleistift wie von umflortem Auge geschrieben: „Mein todtes Kind hats abgelegt und wird sich im Himmel freuen, wenn’s andere tragen.“ Es war wohl lange wie eine Reliquie bewahrt worden.
Hier in Worms konnte man vom Thurme der Dreifaltigkeitskirche das gewaltige Ueberschwemmungsgebiet überblicken, und viel Einheimische und Auswärtige kamen vor die Kirchenthür, um Einlaß zu begehren. Da dachten die weltlichen Herren vom evangelischen Kirchenvorstand, das ließe sich im Interesse derer, die da drüben in so großer Noth saßen und hilfesuchend zu uns gekommen waren, verwerthen, und sie stellten sich abwechselnd in den hellsten Stunden der kurzen Tage eine Woche lang an die Pforte, um ein Eintrittsgeld zu erheben, wodurch über 700 Mark für den guten Zweck einkamen.
Da an den Feiertagen (30. Dezember und 1. Januar) keine Zeitungen erschienen, so wußte man noch nicht, was den Menschen in ihrer Noth alles begegnet war. Die Extrablätter mit ihren depeschenartigen Notizen brachte bald schreckliche Gewißheit. Da war geschrieben, daß ein edler Mann aus Sandhofen sich nach Oppau aufgemacht hatte, um Frauen und Kinder zu retten. Aber der Kahn blieb, als er, mit dreißig Menschen beladen, rückwärts strebte, an einem umgestürzten Pappelstamme hängen, und achtzehn von den dreißig fanden im Wasser ihren Tod. Unter den Geretteten waren zwei Säuglinge, welche behutsam in Bettzeug gehüllt gewesen, und das Bettzeug hatte sie so lange schwimmend erhalten, bis ein in der Nähe befindlicher anderer Kahn sie aufnehmen konnte. Da schrieben die Blätter: „Die Kinder haben ihre Engel.“ Auch in Friesenheim hat man ein Kind in der schwimmenden Wiege gerettet. Aber, o Jammer, die Mutter hing mit krampfhaft geschlossenen Händen daran und konnte nicht mehr ins Leben zurückgerufen werden. Ihr Mütter, die ihr dieses leset, werdet am Bettchen euerer warmgebetteten Kinder weinen und beten; vielleicht wird euch das Wort einfallen: „Die Liebe ist stark wie der Tod.“ Ihr werdet die andere Mutter bedauern, der ihr vier Wochen altes Kind auf dem Rheine starb, weil sies zu sorgsam eingehüllt hatte.
Vor der großen Winterflucht am sonst so gesegneten Rhein, dachten die Leute gewiß nicht an die Möglichkeit, daß sie so bald in den Ruf ausbrechen müßten, der Math. 25, 19 steht. In der Schreckensnacht vor Sylvester wurde zu Hofheim im Pfarrhaus eine Frau mit Zwillingen beschenkt und eine andere mit einem Töchterlein. Tags darauf mußten sie hierher gerettet werden, und so die Neugebornen früh ihre erste Reise machen. Im hiesigen Hospitale fanden sie ein gutes Unterkommen. Als ich das zuletzt genannte, von evangelischen Eltern stammende Kind, taufte, hatte es eine Diakonissin auf den Armen, und die dabeistehende Oberin, Schwester Elisabeth, mußte mir zugleich ihre Familiennamen nennen, weil sie als Pathin ins Kirchenbuch eingetragen wurde. Daß neben dem Eintrag die entsprechende chronistische Notiz nicht fehlt, kann sich der in den pfarramtlichen Geschäftsgang Eingeweihte wohl denken. In späteren Zeiten wird’s mancher Geistliche sinnend lesen.
Die hiesigen Fabrikherren öffneten weite Räume für die Geretteten. So ließ der Geheime Kommerzienrath Heyl ihrer 200 in seinem Reitsaal pflegen. Der Länge nach waren mittendurch zwei Leinwandwände gezogen. Rechts vom Eingang schliefen die Männer, welche am Tage ihr Brod wie sonst verdienten, links die Frauen und Kinder; in der Mitte aber war Platz zum Aufenthalt am Tage und zum Essen. Damit niemand erkrankte, wurde ordentlich gesäubert und gelüftet. Am Sonntag brachte man warmes Wasser und Seife mit Schwämmen zum Baden der Kinder, und auf daß alles ordentlich zuginge, wurde dreimal am Tage gebetet. Das gemeinsame Beten nützt aber, wie das einzelne immer.
Das Vieh aus den umliegenden Dörfern war ebenfalls gut untergebracht. In den Räumen der Fabrikgesellschaft Wormatia standen Pferde, Kühe und Kälber. Die aufgehängten Verzeichnisse gaben Aufschluß über den Eigenthümer. Die Männer mußten das Füttern besorgen, und mit den Pferden beförderte man am Tage Liebesgaben, welche reichlich von allen Seiten zuströmten. Zuvor aber hatte man gehört, daß Viehhändler die Noth der Zeit benutzten, um sich durch Einkauf unter dem Werth zu bereichern. Ein Gleiches erfuhr man von Kartoffelhändlerinnen auf dem Markte, die theilweise den Preis in ungerechtfertigter Weise erhöht hatten. Da ließ Bürgermeister Küchler große Plakate an den Straßenecken aufschlagen, worin er die Bedrängten darauf aufmerksam machte, daß ein richtiger Viehstand ein Haupterforderniß zum Wiederaufbau ihres Hauswesens sei, und das gerettete Vieh unentgeltlich verpflegt würde, worin er aber auch die Hyänen des Unglücks unter Hinweis auf das Strafgesetz und die polizeiliche Aufsicht vor betrügerischem Ankauf warnte. Zugleich lud er durch Bekanntmachungen die Bewohner der höher gelegenen Dörfer ein, den Wormser Markt recht reichlich mit Kartoffeln zu befahren. Und die zur Hülfe bereiten Weinbauern, die im Jahre 1882 nach jeder Richtung hin eine so schlechte Ernte gehabt hatten, ließen sich das nicht zweimal sagen. Indeß versahen in den Dörfern, darin so viel Häuser eingestürzt und verlassen waren, Soldaten den Wachedienst, damit nicht von Unberufenen aufgeräumt würde, wie denn überhaupt das Militär von Darmstadt, Ludwigshafen, Mainz, Mannheim und Worms es manchem absprechenden Politiker zum Bewußtsein brachte, daß ein stehendes Heer auch in Friedenszeiten seine Bedeutung hat. Ganz allgemein war der Schrecken und die Trauer, als ein Blatt die Nachricht brachte, Adjutant Wagner von hier (ein Pfarrerssohn) müsse beim Rettungswerk verunglückt sein, weil man in den dritten Tag hinein kein Nachricht von ihm hatte. Doch hat sich glücklicherweise dieses Gerücht nicht bewahrheitet: der junge Mann hatte in der ganzen Zeit den armen Bewohnern bei ihrer Flucht und zur Verpflegung Beistand geleistet.
Schließlich noch die Bemerkung, daß nach dem Verlauf der Fluth das Suchen der Bewohner nach dem Hausrath unter den Trümmern der eingestürzten Häuser einen oft recht rührenden Anblick bot. So sah ich in Bobenheim, wie eine Frau so lange räumte und alles umwendete, bis sie eine Wiege und ein Spinnrad gerettet hatte, und wie sich ein Mann freute, als er eine noch grüne Topfpflanze unversehrt hervorzog; die Scherbe selbst war zerschlagen, der Erdballen aber vollkommen unversehrt. Möge im fester gegründeten Wohnhaus das Gelbveiglein (!) lieblich blühen!
Quelle: Germania Kalender 1884, S. 140-146.
Zum Verfasser: Wilhelm Wiener, geboren 14.2.1833 Monsheim, Sohn des späteren Zolleinnehmers Philipp Wiener, 1857-1859 Konrektoratsvikar in Biedenkopf, 1859-1862 Mitpredigervikar in Erbach, 1862-1863 Vikar in Beuern, 1863-1865 Vikar in Worms, 1865 Verwalter in Butzbach II, 1865 bis 1868 wieder Vikar in Beuern, 1868 Verwalter, 1868-1876 zweiter ref. Pfarrer in Groß-Umstadt, 1876-1881 Pfarrer in Rüsselsheim, 1881-1901 zweiter Pfarrer in Worms, pensioniert 1901, gestorben 4. September 1910. (Wilhelm Diehl: Pfarrer- und Schulmeisterbuch für die Provinz Rheinhessen und die kurpfälzischen Pfarreien der Provinz Starkenburg. Darmstadt 1928, S. 456 (Hassia Sacra 3).
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