06.12.02

Sankt Nikolaus

»Zu den volkstümlichsten Heiligen Süddeutschlands gehört ohne Zweifel Sankt Nikolaus, dessen Fest am 6. Dezember gefeiert wird. Wenn "Pelznickel" von Kopf bis zu Fuß vermummt als langbärtiger Greis mit einem Sack voll Nüssen auftritt, so bedeutet das nichts anderes, als den persönlich gedachten Winter. Schon in vorchristlicher Zeit ist er gefeiert worden, bis die Kirche das altgermanische Fest in ein solches des Kinderbischofs umwandelte und sich die entsprechenden Legenden dazu herausbildeten. Was dazu gehörte, kann man zum Beispiel in der Nikolauskapelle des Wormser Doms sehen. Dort befinden sich mehrere Steinbildwerke aus dem Leben des Heiligen. So ein Schiff mit Insassen, das ein böser Geist in den Meeresgrund stoßen will, gemäß der Legende: Schiffer hätten einst den Heiligen in ihrer Not angerufen, der auch erschienen sei, das Ruder ergriffen und das Schiff glücklich ans Land gebracht habe, wo er verschwand. Ferner ist der Heilige mit drei Kindern abgebildet, welche nach ihrer Ermordung in einem Faß verborgen worden waren, aber durch den Heiligen wieder zum Leben erstanden. Eine Zeitlang spielte auch der ölschwitzende Finger des heiligen Nikolaus in der Nikolauskapelle des Wormser Doms eine große Rolle, was aber wieder aufhörte, als die Reliquie eines Tages spurlos verschwunden war.

Die Volkstümlichkeit des Heiligen zeigt sich auch in seiner Wahl als Schutzpatron. Als Kirchenheiligen findet man ihn außer in Worms auch noch in Alzey, Bingen, Dautenheim, Dienheim, Mainz, Mombach, Mölsheim, Oppenheim und Gau-Algesheim. In Gau-Algesheim zogen die Weinschröter alljährlich am 6. Dezember nach der alten Nikolauskapelle, um dort ihren Nikolausimbiß abzuhalten. Die größte Verehrung genoß der Heilige unstreitig in Mainz, was jedenfalls auf die zahlreiche dort ansässige Schifferbevölkerung zurückzuführen ist. In St. Ignaz wurde im 18. Jahrhundert der Nikolaustag alljährlich durch Predigt und Hochamt um 9 Uhr gefeiert. Kein Schiffer begann vor Schluß der Feier sein Tagewerk auf dem Rhein. Weit zurück geht auch die Verehrung des Heiligen durch die Kinder. Insbesondere sind es die Schüler, die am 6. Dezember einen aus ihrer Mitte zum Bischof wählten, der dann im Ornat in der Domkirche seinen Mitschülern auf komische Weise den Segen erteilte, wobei es häufig zu recht groben Ausschreitungen gekommen ist. Bis in die Neuzeit war es ferner üblich, daß am 6. Dezember gebackene "Nikolause" verkauft wurden und daß man sich an seinem Namenstag als Vorfeier zum Weihnachtsfest etwas bescherte. Viele Erwachsene fanden auch eine Freude daran, am Vorabend des Nikolaustags den "Nikelos" zu machen, die Kinder zu beängstigen, unartige mit der Rute zu bestrafen und schließlich alle, wenn sie schön beten konnten, zu beschenken. Für die Kinder war es dann eine besondere Erwartung, wenn sie von der Mutter bei beginnender Dunkelheit ans Fenster geführt wurden, um zu sehen, ob nicht der Heilige mit seinem Eselein vorüberziehe. Gern hielten sie dem Eselein ihr Vesperbrot als Erquickung bei seinem nächtlichen Rundgang bereit. Kam er dann nicht, so waren sie auch zufrieden, weil die Mutter sagte, Nikolaus habe sie verschmäht, weil sie nicht brav genug gewesen seien oder weil das Eselchen mit seinem Sack in den Dreck gefallen sei.

Bei größeren Knaben dagegen war es üblich, daß sie am Nikolaustag - ähnlich wie an Allerheiligen - die "feurigen Männer" auf Stangen herumtrugen, das waren ausgehöhlte Rüben, in die ein Gesicht geschnitten war und die in ihrem Innern ein brennendes Licht bargen. Dazu wurde gesungen:

Feuriger Mann, feuriger Mann, wo bist du dann?
Sitzt hinterm Owe, raacht sein Klowe,
Sitzt hinnern Disch, ißt sein Fisch.

So hat der weißbärtige Alte seit Jahrhunderten den Mainzern manche frohe Stunde bereitet. Daß sie dafür nicht undankbar waren, bewies der alte Besitzer des Hauses "Zum Silberberg". Er ließ hoch über dem Dächermeer der Stadt eine schmiedeeiserne Wetterfahne aufstellen, die den Heiligen zeigt, wie er den Anker hält, zur Seite die Bütte mit den drei Kindern, als ein Symbol, daß St. Nikolaus nicht nur bei den Schiffern und Kindern, deren Patron er ist, geehrt wird, sonern von der ganzen Stadt.«


Aus: Wilhelm Müller: Rheinhessisches Heimatbuch. 2. Teil. Darmstadt 1924 (Hessische Volksbücher, 52-54), S. 123-125.

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Anmerkungen