12.12.02

Schatzsucher in Bechtolsheim (Teil 1)

Nach dalbergischen Akten. Von Wilhelm Martin Becker.

»Es war im Winter 1739. Noch hatte das rheinische Volk die Verluste und Gefahren nicht überwunden, die der Feldzug der Franzosen am Rhein im sogenannten polnischen Erbfolgekrieg verursacht hatte. Viele waren verarmt, herabgekommen. Zu solchen Zeiten pflegt der Gedanke, wie man mühelos und schnell reich werden könne, dem Gemüte des Menschen nicht fern zu liegen. Schätze, so glaubte man, lagen gewiß im Boden vergraben; es galt nur, sie zu finden, es galt, die Geister und Dämonen zu bannen, die sie bewachten. Aber man wußte ja, daß die Schätze zu gewissen Zeiten emporstiegen, daß bevorzugte Menschen sie finden konnten, wenn sie der geheimnisvollen Künste mächtig waren. -

Eines Tages hörte man den Bechtolsheimer Einwohner Philipp Reichard in seinem Garten aufgeregt nach seiner Frau rufen. Er hatte einen Schatz, einen mit Geld gefüllten Kessel, gesehen, aber auf seinen Ruf war er wieder versunken. Was tun? Da konnte nur der Schäfer helfen; Schäfer wissen mehr als gewöhnliche Leute. Zwar stand der Schäfer Johann Schütz, der erst kürzlich von über Rhein nach Bechtolsheim gekommen war, nicht im besten Rufe; aber durch ihn erfuhr Reichard von einem in Zauberdingen erfahrenen Manne, dem ehemaligen Faßbender Johann Adam Schalk in Weisenau, einem Bruder oder Vetter des Mommenheimer Pfarrers. Er wurde um seinen Beistand angegangen.

Schalk kam mit allerlei geheimnisvollen Gerätschaften nach Bechtolsheim. Nach seiner Kenntnis konnte man den Schatz erlangen entweder durch das Christophorusgebet oder durch Anwendung eines Zauberspiegels. Vor allem riet er, eine Messe lesen zu lassen, damit das Unternehmen gelinge.

Dann galt es, den Geist kennen zu lernen, der den Schatz bewachte. Aber ehe etwas geschehen konnte, erkrankte Schalk am Fieber und wurde von dem dalbergischen Wingertsmann Johann Breyvogel ins Haus genommen. Dort fand dann auch die Beschwörung statt. Sie konnte auch zugleich auf einen zweiten Geist gerichtet werden, der in dem damals schone zerfallenen dalbergischen Schloß umging und vermutlich ebenfalls einen Schatz zu bewachen hatte. Hierzu wurde auf den Tisch ein Krüglein mit Weihwasser, eine Schüssel mit geweihtem Salz gestellt, dazu drei brennende Wachskerzen, Bilder der vier Evangelisten und anderer Heiligen aufgelegt. Schalk hing sich eine Priesterstola um - sein Sohn hatte sie dem Onkel Pfarrer in Mommenheim entwendet -, nahm ein Kruzifix und eine brennende geweihte Kerze in die Hände. Auch Haselgerten wurden bereit gehalten, um gegen den bösen Feind zu fechten; sie durften nicht zu Boden fallen, sonst verloren sie ihre Kraft. Dann las Schalk aus einem mitgebrachten Buch die Beschwörungsformel vor: die Dreieinigkeit, die Mutter Gottes, alle heiligen Geister, aber auch alle Teufel wurden zur Entdeckung des Schatzes vorgeladen und gebannt. Endlich hieß es: "Komm Geist, komm Geist in menschlicher Gestalt, mir und meinen Gesellen ohne Schaden!" Die Beschwörung wurde dreimal wiederholt, aber nichts zeigte sich. So mußte man weitergehen.

Es gelang Schalk, von dem kurmainzischen Soldaten Valentin Frevel, der aus dem Erfurtischen stammte, leihweise einen Zauberspiegel zu erhalten. Er war so groß wie ein Brillenglas, nach andern Aussagen handgroß, lag in einer Blechkapsel; es waren Kreuze und Buchstaben daran angebracht. Der Spiegel konnte aber nur durch ein Fronsonntagskind gebraucht werden, d.h. eine Person, die an einem Sonntag nach dem Quatember (oder nach Fronleichnam?) geboren war. Der achtzigjährige Stiefvater des dalbergischen Hofmannes, Kaspar Gesell aus Zürich, stand im Rufe, ein solches Sonntagskind zu sein und Geister sehen zu können. Doch im Spiegel sah er nichts, denn er war einige Tage vor Fronsonntag geboren. Aber in Mommenheim wohnte ein Palmsonntagskind, Nikolaus Biermann, der früher Landwirt gewesen war, sich aber jetzt durch Bettelei ernährte. Man erzählte ihm von Reichards Schatz und von dem Schatz, der im dalbergischen Schloß "unter der Schwindelsteg" (Wendeltreppe?) liege, und er war bereit die Probe zu machen. Er sah in den Spiegel und behauptete, sowohl Reichards Schatz wie den im Schloß zu sehen. Im Schloß war es eine weiße Kiste, die von einem dort umgehenden schwarzen Mann gehütet wurde, in Reichards Garten ein Kessel, dessen Ringe deutlich erkennbar waren, bewacht von einem weiß und grauen Männlein.

Einer sofortigen Nachgrabung standen aber noch Hindernisse entgegen. Zunächst war der Boden noch fest gefroren; dann waren die Eheleute Reichard in Zank geraten, weil die Frau die Hälfte des Schatzes für sich beanspruchte; schließlich weigerte sich Biermann, den Schatz genau zu bezeichnen, weil er fürchtete, daß man ohne ihn grabe und er seinen Anteil verliere (und weil die Grabung jedenfalls seinen Schwindel zutage bringen mußte!). Inzwischen war der Ruf des Hexenmeisters Schalk auch nach Mommenheim gedrungen, und man verlangte ihn dort dringend, weil die Sage ging, daß in der alten Nazariuskirche auf dem nahen Berge ein Schatz verborgen sei. Hier - und zwar auf Wilhelm Bönnigs Speicher - versuchte er mit dem Christophorusgebet, das eine mühelosere Erwerbung des Schatzes versprach.

Um einen Tisch, der das Beschwörungsbuch trug, stellten sich Schalk, sein hinzugezogenen Sohn und Biermann auf. An Nägeln, die man in den Boden eingeschlagen hatte, wurde mit geweihter Kordel ein dreimaliger Kreis um den Tisch und die Versammelten gezogen. Schalk bezeichnete die Anwesenden mit dem heiligen Zeichen INRI und besprengte sie mit Weihwasser, damit ihnen der böse Feind nicht schade. Neben dem Zauberkreis stand ein neuer Zuber, mit einer neuen Ackerleine an den Ohren befestigt und auf Rollen gesetzt; denn der Geist sollte den Schatz herzubringen und in den Zuber schütten und man wollte ihn dann in den schützenden Bereich herüberzeiehen. Schalk las dann das zauberkräftige Gebet an die Dreieinigkeit und den heiligen Christoph. Während der Handlung durfte keiner der Anwesenden reden, speien, um sich sehen oder den Kreis verlassen, damit der Feind - zu dessen Bekämpfung man auch von einem jungen Mädchen geschnittene Haselruten bei der Hand hatte - keinen Schaden zufügen könne.

Fünf Abende wurde der Zauber geübt, nichts kam. Nur einmal zwischen 11 und 12 Uhr hörte man ein grausiges Gerumpel.«


Quelle: Volk und Scholle. Heimatblätter für beide Hessen, Nassau und Frankfurt a. M. Vierter Jahrgang. Darmstadt 1926, S: 309-312.

Fortsetzung folgt ...

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