13.12.02
Schatzsucher in Bechtolsheim (Teil 2 und Ende)
»Soweit war die Sache gediehen, als die Obrigkeit davon erfuhr. Der dalbergische Hofmann Jakob Schwindel zu Bechtolsheim, wohl verärgert, weil sein Stiefvater sich als ungeeignetes Sonntagskind erwiesen hatte und daher von den zu erwartenden Schätzen nichts bekommen sollte, erstattete Meldung an den dalbergischen Keller Tholläus in Heßloch, und der berichtete sorfort an seinen Herrn, den kaiserlichen wirklichen Geheimrat Freiherrn von Dalberg in Mainz, auf dessen Grund und Boden, beim Wingertsmann Breyvogel, die erste Beschwörung vor sich gegangen war.Weit entfernt, dem abergläubischen Tun kurzweg ein Ende zu machen, versuchte der Territorialherr vielmehr vor allem, den Ort des Schatzes zu erfahren und die Mittel kennen zu lernen, durch die man in seinen Besitz kommen könne.
Zu diesem Zwecke wurde Breyvogel, dem man bereits erfolgreiche Schatzgräberei zutraute, weil er im letzten Jahre einige Äcker gekauft hatte - er war den Kaufpreis freilich noch schuldig - "bello modo" auf dalbergisches Hoheitsgebiet nach Heßloch gelockt, in einer warmen Stube des Wirtshauses interniert und nach allem ausgefragt.
Inzwischen wurde bei ihm Haussuchung getan. Man fand Schalk im Bett, verhaftete ihn und beschlagnahmte einen Reisesack voll zauberischer Gegenstände. Dabei kam auch Breyvogels Schwägerin in Haft, "eine höchst suspecte und vagabundische Weibsperson", die versucht hatte, einige Zauberbücher unter ihrer Schürze in Sicherheit zu bringen. Diese Arrestanten wurden ins Rathaus zu Gabsheim, ebenfalls in dalbergisches Gebiet gebracht. Dort erkrankte Schall schwer, wurde aber doch alle paar Tage eindringlich verhört und, obgleich er schon die letzte Zehrung erhalten hatte, noch mit Stockschlägen bedroht, damit er alle sage. Zugleich wurde bei der Mommenheimer Behörde veranlaßt, daß auch Biermann vernommen werde. Endlich untersuchte man den Schloßkeller zu Bechtolsheim eingehend auf etwas schon vorgenommene Grabungen und fand auch Spuren von solchen wie von Mauerausbrüchen, ohne doch feststellen zu können, ob sie nicht von Einwohnern, die dorthin ihre Wertsachen vor den Franzosen geflüchtet hatten, oder von den Franzosen selbst herrührten.
Eine Enttäuschung brachte das Gerichtsverfahren der Behörde: den Spiegel, auf den es in erster Linie abgesehen war, gelang es Schalk noch nach seiner Verhaftung seinem Sohne zuzustecken, der ihn wieder nach Mainz brachte. Und als er später mit Hilfe der Mainzer Behörden zur Stelle geschafft wurde, konnte ihn niemand handhaben. Auch mit den übrigen Objekten, die Schalk für seine Beschwörungen brauchte, konnte nur der Sachkundige einen zauberhaften Gebrauch machen. Hier der Inhalt des beschlagnahmten Reisesackes: Außer den uns schon bekannten Dingen, wie der Stola, den Gefäßen mit Weihwasser und geweihtem Salz, der geweihten Schnur zum Kreismachen fanden sich noch zwei Kruzifixe, eine Sanduhr, ein Stück Osterkerze, ein lateinisches Gebetbüchlein, ein Futteral mit einem deutschen "abergläubischen Gebetbüchlein", ein "Exorcismus-Buch, worin das Christophori-Gebet", ein dersgleichen, "worin erstaunliche, Gott und die Heiligen versuchende und zitierende Expressiones", ein Büchlein mit weißer Pergamentdecke, worin der Geist zur Entdeckung des verborgenen Schatzes beschworen wird, mit Kupfern, die vier Evangelisten, den Erzengel Michael usw. darstellend ("diese werden beschworen und ordentlich vorgeladen"); ein sehr kräftiges Gebet, worin 500.000 Dukaten verlangt und auf Erhalten dem guten Geist gedankt wird; schließlich zwei kleine Bündelchen, worin ein Benediktuspfennig, ein Hubertuspfennig, ein Evangelium S. Johannis (wohl nur der Anfang des 1. Kapitels, häufig als Zaubermittel gebraucht), Johanniskraut, Asa foetida (Teufelsdreck), Dreikönigszettel, Agathazettel, ein gedrucktes spanisches Kreuz contra pestem, ein Muttergottesbild auf Seide, ein Bild von den hl. fünf Wunden, ein Agnus dei, etliche Krebsaugen, ein fingerlanger Pfeil von Blei.
Schalk trug persönlich ferner zu seinem Schutz gegen Hexen und Zauberei einen Zettel, in dessen Ecken die Namen der Evangelisten standen, während der übrige Raum ín kreisförmigen Feldern hebräisch geschriebene Worte enthielt (er liegt bei den Akten), zum teil unlesbar, da sie anscheinend von einem des Hebräischen Unkundigen geschrieben waren; in einigen erkannte man die hebräischen Bezeichnungen Gottes. - Die Taktik der Inhaftierten war verschieden; während Breyvogel reuevoll zugab, was er hatte tun helfen, renommierte Biermann nicht wenig mit den von ihm gesehenen Geistern, offenbar weil er sah, daß die Obrigkeit ihm Glauben schenkte. Er und Schalk suchten sich ihr Wohl als brauchbare Mittelsmänner zu empfehlen. Letzterer zählte daher noch weitere ihm bekannte Schätze auf: in Bönnigs Garten zu Mommenheim, auf dem St. Petersberg bei Bechtolsheim, in des Oberschultheißen Haus zu Bechtolsheim; endlich sollte einer in dem heimlichen Gang liegen, der von der Bechtolsheimer Kirche bis unter den Petersberg führte. Nach Biermann lag ein Schatz im Dalberger Schloß im Nebenkellerchen rechts; "der übrige Schatz scheine auf dem Turme zu liegen". So klang die Untersuchung in lauter Wirrsal aus. Was sollte die dalbergische Behörde tun? Schalk wurde im April 1740 zu einer Strafe verurteilt, die wir nicht kennen; vermutlich wurde er ausgewiesen.
Ob nun im Auftrag des Freiherrn im Schloß gegraben worden ist? Derartiges pflegt nicht aktenkundig zu werden, zumal wenn es erfolglos ist!
Denn diesen Eindruck gewinnt man aus den Vorgängen: Alt und jung, vornehm und gering - niemand ist frei von dem Glauben an die übernatürlichen Mittel zur Bereicherung. Und selbst wenn die Untersuchungsbehörde gegen den gotteslästerlichen Aberglauben eifert, so hat es doch den Anschein, daß sie solche tun vielleicht für etwas Verwerfliches, nicht aber für etwas Kraftloses hält.
Eng vermischt liegt in diesen Menschen Religion und Aberglaube. Die kirchliche Weihe ist ihnen ein Zauber, den man zur Verteidigung gegen böse Geister anwendet, das Gebet ist ein Zaubermittel, wodurch man guter Geister zu Hilfe rufen kann - sogar zu völlig egoistischen Zwecken! Wie zäh hat sich der alte Heidenglaube von den hilfreichen Naturgeistern unter der christlichen Decke erhalten!
Lachen wir nicht darüber! Noch jede Zeit hat ihre eigenen geheimen Wege zu den übermenschlichen Mächten gesucht. Es liegt etwas Ehrwürdiges in dem steten Ringen des Menschen mit dem Geheimnis, das uns umgibt, und in dem festen Glauben, daß es einen Weg gebe, in dieses Verborgene einzudringen. Die Wurzeln von Religion, Aberglauben und Wissenschaft reichen in dasselbe Erdreich hinab.«
Quelle: Volk und Scholle. Heimatblätter für beide Hessen, Nassau und Frankfurt a. M. Vierter Jahrgang. Darmstadt 1926, S: 309-312. Lesebuch | Link