20.12.02

1000 Jahre Ungarn

Die Budapester Zeitung verfügt zu meiner großen Überraschung über eine hervorragende deutschsprachige Online-Ausgabe. In der Rubrik "Ungarn erleben" dürften die Historiker vor allem an den Themen 1000 Jahre Ungarn und Berühmte Ungarn Interesse finden. Das Archiv ist seit 01.01.2000 bis zur aktuellen Ausgabe durchsuchbar. Dort fand ich folgenden Beitrag:

Aus für die Mundart der Ungarndeutschen: Der Dialekt wird heute nur noch vereinzelt in der Generation der Grosseltern gesprochen. Initiativen, den Enkelkindern die Mundart beizubringen, zeigen kaum Erfolge. Das ist das Resultat einer Konferenz des Vereins "DU – Deutsche Akademiker aus Ungarn" im Budapester Postás-Kulturhaus.

Im Mittelpunkt der siebten Jahressitzung des Vereins, dem größ-tenteils ehemalige Absolventen deutscher Hochschulen angehören, standen Fragen der Zweisprachigkeit, Spracherwerb und Zusammenhänge zwischen Sprache und Kultur. "Zweisprachigkeit ist eine wertvolle Hilfe bei der Wahrnehmung der Chancen der modernen Welt", erklärte Alexander von Rom, Gesandter der Bundesrepublik Deutschland in Ungarn, in seiner Eröffnungsrede. "Sie sollte gefördert werden."

In Ungarn allerdings droht die Zweisprachigkeit der ansässigen Ungarndeutschen verloren zu gehen. "420.000 Menschen leben hier, die sich zum Deutschtum bekennen oder ihren Stammbaum auf deutsche Vorfahren zurückführen", berichtete Maria Erb, Dozentin der Budapester ELTE-Universität. Der ursprüngliche Dialekt der Einwanderer aus Schwaben, Sachsen oder Franken im 18. Jahrhundert sei heute noch in etwa 270 Gemeinden zu finden.
Seit Beginn des vergangenen Jahrhunderts wurde Ungarisch zur Muttersprache der Ungarndeutschen. Aus rein praktischen Gründen – denn der Dialekt bringt keinen finanziellen Nutzen. "Bei der jungen Generation steigt wegen der zusätzlichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt dagegen das Interesse merklich, die deutsche Standardsprache zu lernen – die nie die Muttersprache der Ungarndeutschen gewesen ist", ergänzte Erb. In 20 Jahren werde man sehen, ob es noch echte Ungarndeutsche gebe oder nur deutsch sprechende Ungarn. Die deutsche Hochsprache selbst ist wiederum starken Veränderungen unterworfen. Darauf verwies Professor Richard Brunner von der Universität Ulm. "Wir sehen heute akute Auswüchse der englischen Sprachkrankheit in den meisten modernen Sprachen", kritisierte er. Im deutschen Alltags-Wortschatz kommen heute schon etwa 4000 englische Ausdrücke vor, obwohl für die meisten Wörter auch deutsche Begriffe vorhanden sind. "Das sind keine Sommersprossen mehr, sondern Pickel und Narben im Gesicht" befand Brunner.

Die massenhafte Verwendung englischer Ausdrücke scheint für viele jung, modern und schwungvoll zu sein, doch öfters seien die so entstandenen Gebilde nur "Worte in modischem Sprach-Schafspelz und papagaienhafte Nachahmungen".

Er bemängelte, dass nur noch englische Ausdrücke aufgenommen würden, während der früher übliche wechselseitige Einfluss der Sprachen verlorengehe. Bis zum Zweiten Weltkrieg, so Brunner, war die deutsche Sprache ein allgemeines Verständigungsmittel in Mittel- und Osteuropa; aber auch die deutsche Sprache hat sich, vor allem im 18. Jahrhundert, sehr viele Worte aus dem Französischen und dem Latein zu eigen gemacht.

Die Gymnasiallehrerin Anette Tubik beschäftigte sich mit der sprachlichen Entwicklung der Kinder in gemischten Ehen. Nach ihren Aussagen ist die Ausgangssituation zum Erlernen von zwei Sprachen im Kindesalter zweifelsohne leichter. Wichtig sei aber vor allem der regelmässige Wechsel der sprachlichen Umgebung und damit ein gewisser Zwang zur Benutzung der anderen Sprache. "Merkt das Kind, dass seine Eltern in beiden Sprachen ansprechbar sind, wählt es den einfachen Weg und benutzt mit beiden Eltern nur die der jeweiligen Umgebung entsprechende Sprache", so Tubik.

Welche Vorteile Zweisprachigkeit im Berufsleben bringt, hob auch Matáv-Generaldirektor Elek Straub in seinem Referat hervor. Er untermauerte seine Darlegungen mit einem Goethe-Zitat: "Wer keine Fremdsprachen weiß, kennt auch die eigene Sprache nicht."

So sprechen die Ungarndeutschen

Am január elsején ist mein keresztfia khumme, er hat lakatos gelern, ist awer in der hajógyár schon fonök.
Der Eppl ist verkukatst.
Ich hatte den kertitraktor net gekezel.
Unser szomszéd is gestrn bei uns g'west és mondta, er tut sich das kórház einifeküdni und das szemmutét megcsináltatni, mert egyre rosszabbul lát.

Aus dem Repertoir zweisprachiger Kinder

A könyvtárban ver van botva laut zu reden.
Felrámoltam a szobámat – ich habe das Zimmer aufgeräumt.
Nem kell beesni rá – man sollte darauf nicht hereinfallen.
Nem tudok érte – ich kann nichts dafür.
Amikor a Mikrowelle explodierte, a szobámban voltam Comics lesen.


Quelle: Budapester Zeitung online vom 23.05.2001

Mehr über die Auswanderung Deutscher nach Ungarn kann man auf der Homepage 50 Jahre Bukiner Heimatglocken Jubiläumsausgabe nachlesen.

Geschichte | Link
Anmerkungen